LiebesLeben: Generation entscheidungsunfähig

Eine Frau und zwei Männer auf einer Party

Katja Stenzel malt mit Sprache Bilder auf ihre Wortleinwand. In ihrer Kolumne nimmt sie euch mit in ihr Atelier: Als absoluter Gefühlsmensch schreibt sie über die Liebe und das Leben – ein bisschen philosophisch und ein bisschen psychologisch, mit einem Hauch von Melancholie.

Egal, ob es um Studienfächer, Reisen oder Produkte geht: Unsere Generation wird mit verlockenden Möglichkeiten überschüttet. Wir sind mit Exzess und Konsum aufgewachsen, und so ist der Überfluss Teil unserer Lebensrealität geworden.

Das gilt auch für andere Menschen, vor allem im sexuell-romantischen Kontext. Wir konsumieren – „vernaschen“ – sie, genießen die Zeit und lassen uns treiben. Und dasselbe tun wir mit einer Menge weiterer Personen – in einem Ausmaß, das beinahe exzessiv ist.

Wir sind alle ein bisschen poly, bloß nicht exklusiv, aber dafür sexuell aufgeschlossen und experimentierfreudig. Nur ist irgendwie nie jemand dabei, bei dem*der wir uns vorstellen können, uns fest an ihn*sie zu binden. Nie entscheiden wir uns bewusst für eine Person. Stattdessen dümpeln wir so herum – in einem undurchsichtigen Sumpf aus entspanntem Genuss, Begierde und gelegentlicher Wut auf uns selbst und die andere Person, wenn mal wieder eines unserer Verhältnisse endet.

Über die Zukunft und das Leben machen wir uns wenig Gedanken. Wir lassen es einfach passieren, lehnen uns zurück und genießen die Show. Und manchmal fühlen wir uns dabei ein bisschen gelähmt – wie Zuschauer unserer eigenen Dramen. Als hätten wir gar keine Macht über das, was eigentlich in unserem Leben passiert – eben weil wir uns selten bewusst für Dinge oder Menschen entscheiden.

Wir labeln nichts und das einzige, wofür wir vielleicht zu haben sind, ist eine gute Zeit – aber bloß keine Beziehung. Dieses Konzept der Nicht-Entscheidungen feiern wir als Fortschritt, fühlen uns ganz besonders frei und irgendwie moralisch überlegen, weil wir niemandem mehr Vorschriften machen und uns selbst keine mehr auferlegen lassen. Wir verpflichten uns nicht mehr und sind stolz darauf. Wir zelebrieren den Zeitgeist der Freiheit, fühlen uns dem kleinbürgerlichen Spießertum der Generationen vor uns überlegen und zünden uns einen Joint auf der Fensterbank an.

Ein Freigeist in Freiheit. Ich bin verliebt in den Sommer und schöne Worte. Wenn ich nicht gerade schreibe, sitze ich wahrscheinlich mit einem Roman irgendwo am Wasser. Oder auf alten Zeitungen, um jede Menge Farbe auf unbeschriebene Blätter zu klatschen. Aber am allerliebsten lebe ich: la vida loca!