Misophonie: Ich werde aggressiv, wenn andere essen

Verzweifelte Frau rauft sich die Haare

Es war immer der gleiche Stressmoment am Morgen. Mein Freund, mein Mitbewohner und ich sitzen gemeinsam am Wohnzimmertisch und arbeiten an unseren Aufgaben für die Uni oder fürs Praktikum. Dann steht mein Freund auf und macht sich ein Müsli zum Frühstück. Mein Körper spannt sich schon an, wenn er nur in der Küche den Apfel schneidet. Wenn er sich zu uns setzt und zu essen beginnt, werde ich aggressiv, es kostet mich all meine Energie, nicht auszurasten und ihn anzuschreien. Ich lese den Satz in meinem Text zum vierten Mal, doch ich kann mich nicht konzentrieren. Ich will ihm den Kopf abreißen. In mir wächst eine irrationale Wut, die erst abebbt, wenn er mit dem Frühstück fertig ist.

Lange habe ich diese Gefühle als normale Reaktion auf unangenehme Geräusche abgetan. Schmatzen und Essensgeräusche sind im europäischen Kulturraum generell nicht akzeptiert, sie gelten als unhöflich und sind Zeichen von schlechten Manieren. Deshalb habe ich meine Aversion nie so wirklich hinterfragt.

Meinem Freund ist schließlich aufgefallen, dass ich nicht mehr logisch auf seine Fragen antworte, während er sein Frühstück isst. Ich war nicht mehr in der Lage, ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Aus dem einen Grund, dass meine ganze Konzentration dafür draufging, mich nicht meinen Gewaltfantasien hinzugeben. Andererseits weil ich einen Hass auf ihn hatte. Als ich ihm endlich sagte, dass mich seine Essensgeräusche aggressiv machen, kam er auf den Grund:

Misophonie.

Übersetzt bedeutet Misophonie Hass auf Geräusche. Genauer bezeichnet das Wort eine stark selektive Geräuschintoleranz. Dabei geht es um ganz bestimmte Arten von Geräuschen, die die Betroffenen triggern. Die meisten Geräusche im Alltag, Vogelzwitschern, Lachen, fahrende Autos, stören Misophoniker*innen nicht. Jede*r von ihnen hat ganz eigene Geräusche, die für sie unangenehm sind. Bei mir sind es vor allem die Essensgeräusche: Schmatzen und das wiederholte Klicken von Besteck auf Porzellan. Damit bin ich nicht alleine, denn diese Geräusche triggern viele Misophoniker*innen. Aber auch lautes Atmen macht mich verrückt. Andere stören sich auch an Reibegeräuschen, Klickgeräuschen oder Klimpern. Die starke Abneigung kann gegen alle möglichen Geräusche entwickelt werden.

Immer unterwegs. Momentan wahrscheinlich in den französischen Alpen. Leicht zu begeistern. Ganz besonders für Sport, vegane Leckereien, gute Romane, Yoga und Fremdsprachen.