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Wer sind eigentlich diese alten weißen Männer?

Sophie Passmann ist vieles, vor allem aber Feministin. Für ihr Buch „Alte weiße Männer“ hat sie sich dem feministischen Feindbild des alten weißen Mannes angenommen und interviewte Exemplare dieser Spezies.

Sophie Passmann bittet zu Tisch: für ihr Buch „Alte weiße Männer“ hat sie genau diese getroffen. Wer sind sie und was macht einen Mann zu einem alten weißen Mann? Im feministischen Mischmasch unserer Zeit gibt es nämlich vor allem dieses eine Feindbild: der alte weiße Mann. Er ist der Inbegriff des patriarchalischen Systems. Der alte weiße Mann ist derjenige, der sich optimal durch das System bewegt, es definiert und alle wichtigen und mächtigen Positionen in diesem System innehat. Sophie Passmann hat diese im echten Leben gesucht. Denn der latente Vorwurf gegen den Feminismus heißt in der Regel: Feministen gegen alle Männer – aber was passiert wenn eine Feministin mächtige Männer mit diesem Vorwurf tatsächlich konfrontiert? Sophie Passmann hat es einen Sommer lang versucht.

Links, rechts, Hippie oder Blogger: Sophie Passmann hat sie alle getroffen

Peter Tauber (CDU), Ulf Poschert (Welt-Chefredakteur) oder der eigene Papa: Sophie Passmann hat sie alle getroffen und mit ihnen über Feminismus gesprochen. Links, rechts, Hippies oder Fashionblogger. Männer, die versuchen dagegen anzukämpfen ein alter weißer Mann zu werden oder aber bereits auf dem besten Weg dahin sind. Wenn Sophie Passmann auf ihrer Lesung die einzelnen Interviews einordnet, dann stellt Claus von Wagner den einen Pol (den reflektierten, feministischen) und Rainer Langhans (Alt 68er und Kommunenchef) den anderen Pol dar. In der Mitte dazwischen ordnen sich alle anderen elf Interviews ein. „Meine erste Erkenntnis“, sagt Sophie Passmann bei der Lesung ihres Buches, „war, dass Männer, die in den Medien arbeiten, von denen man ausgeht, sie müssten sich alleine aufgrund ihres Berufes mit dem Thema Feminismus beschäftigen, das nicht automatisch auch tun. Das habe ich schnell gemerkt.“

Für ihr Buch suchte sich Passmann Männer nach der Elitentheorie aus. Männer, die mächtige Positionen in der Gesellschaft inne haben und ihre Macht aufgrund ihres Geschlechtes absolut uneingeschränkt ausüben können.

Im Kosmos mächtiger Männer

Also begibt sich Sophie Passmann in den Kosmos mächtiger Männer. Sie diskutiert mit Ulf Poschert die Frauenquote („Wenn Poschert über Frauen spricht, klingt das als wären sie ein Ficus“), mit Kevin Kühnert über heteronormative Männlichkeit („Hast du es einfacher als Mann?“) oder mit Robert Habeck über die Metaphysik des Westens ( „Robert Habeck ist einer von den Guten“). Manche Männer, wie beispielsweise Kühnert, Claus von Wagner oder Sascha Lobo machen eine gute Figur. Sie zeigen Selbstreflexion und hinterfragen sich selbst. Manche jedoch scheinen eindeutig Teil des Problems zu sein und verfallen in die klassischen Narrative, die alte weiße Männer fast schon klischeehaft herunterbeten: Sie selbst seien die größten Feministen, sie wüssten, was die Frauen wirklich wollen („Als Frau zu wissen, was man will, ist wahnsinnig schwer“, sagt Rainer Langhans), sie selbst hätten ach so viele Frauen eingestellt (diese Behauptungen hatte Passmann mit einem schnellen Anruf meist schnell gegengeprüft) oder sähen Feminismus als reinen Frauen-Klub an, mit dem sie als Mann nichts zu tun hätten (O-Ton von Papa Passmann und Marcel Reif). Aber mit dem Patriarchat verhält es sich nun mal so: Jeder Mann ist privilegiert. Ein Mann, der leugnet, dass partriachalische Strukturen herrschen, die Frauen und jede andere Geschlechteridentität unterdrücken, die nicht weiß, hetero und männlich ist, der verschließt die Augen vor der Realität. Das können nicht nur Frauen oder nicht-binäre Menschen unterschreiben, sondern auch jeder Mann, der diese Kategorien nicht erfüllt.

Die Vormacht des Männlichen

Schwarz, hetero und männlich ist anders als schwul, weiß und männlich. Ein Cis-Mann erlebt Privilegien und Unterdrückung anders als ein Transmann. Schwarz, hetero und Arbeiterklasse ist anders als weiß, hetero und Arbeiterklasse – um es mal ganz platt auszudrücken. Die australische Soziologin Raewyn Connell gilt als einer der wichtigsten Forscherinnen in der Geschlechterforschung und als maßgebliche Wegbereiterin der Männlichkeiten-Forschung. Ihr Ansatz: Es gibt nicht nur Männlichkeit und Weiblichkeit. Sondern Geschlecht ist eine Kategorie, die in Wechselbeziehung zu anderen gesellschaftlichen Kategorien steht, die die eigene Identität prägen. Solche Kategorien können sexuelle Orientierung, Ethnie (im Original wird hier der im Deutschen nicht gebräuchliche Begriff der „race“, der Rasse, verwendet) oder soziale Herkunft sein. Geschlechtsidentität definiert sich immer in Abhängigkeit von anderen sozialen Kategorien.

Connell geht zudem von einer Hegemonie der Männlichkeiten aus. Das bedeutet, dass bestimmte Formen der Männlichkeit eine Vormachtstellung genießen. Einer gewissen Männlichkeit werden gesellschaftlich keine Steine in den Weg gelegt: dem Prototyp des weißen alten Mannes.

Eines jedoch haben alle diese Männlichkeiten gemein: sie genießen gegenüber Weiblichkeiten immer eine Vormachtstellung. Ein Mann, egal welcher Männlichkeit, genießt Frauen gegenüber immer eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft. Jeder Mann profitiert von den herrschenden patriarchalen Strukturen. Wie aber können Männer Frauen in ihrer gesellschaftlichen Stellung stärken, Geschlechtergleichheit erzeugen und ihr eigenes Verhalten, das das momentane System der Ungleichheit antreibt, möglichst ändern? Wie wird ein Mann nicht zum „alten weißen Mann“?

Der alte weiße Mann ist relativ

Sophie Passmann stellt schnell fest, dass „alt“ und „weiß“ als Ursachen des feministischen Feindbildes nicht sonderlich viel taugen. Alter ist relativ und alleine die Hautfarbe würde viele aus ihrer Verantwortung nehmen und vermitteln, wer nicht weiß ist, kann nicht frauenfeindlich sein (dass Ethnie damit nichts zu tun hat, weiß jeder, der zumindest halbwegs wachen Auges durch die Welt geht). Passmann stellt fest, dass selbst nach einem anstrengenden Sommer voller Gespräche über Feminismus, der „alte, weiße Mann“ ein äußerst wages Bild bleibt: „ein zwischenmenschliches Gefühl, ein Habitus, den man bewusst oder unbewusst der Welt gegenüber hat“. Es sind Männer, die sich gesellschaftlichen Veränderungen, dem Wandel gegenüber verschließen und „nicht fähig sind, anzuerkennen, dass zumindest ein Teil ihres Daseins auf einer Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau beruht“. Passmanns Buch führt vor Augen, wo es an Verständnis seitens der Männer mangelt (was Feminismus in seiner Existenz natürlich nur noch mehr bestätigt), welcher Interviewpartner selbstreflektiert ist und sein Protifieren von der Geschlechterungerechtigkeit eingesteht. Es zeigt auch, dass Gespräche über Feminismus nicht ausschließlich unter Frauen geführt werden dürfen, sondern Männer mit ins Boot geholt werden müssen.

Auch wenn das Werk „Alte weiße Männer“ immer noch auf der Suche ist und versucht den alten weißen Mann als Idealtypus festzunageln, findet es zumindest Wege wie jemand nicht zum Alten weißen Mann wird: Respekt, Humor und Aufmerksamkeit. „Respekt für den gesellschaftlichen Wandel, den einige sich gerade hart erkämpfen, Humor dafür, dass nach Jahrzehnten des gepflegten Herrenwitzes endlich mal der alte weiße Mann selbst die Pointe sein darf“.

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Bildquelle: Via Unsplash mit CCO Lizenz.

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