WhatsApp: Der Drang, ständig online sein zu müssen

Eine Gruppe von Jugendlichen stehen in einer Reihe und schauen auf das jeweilige Smartphone.

Still und heimlich hat WhatsApp die Benutzung der Sprachnachrichten-Funktion geändert: Nutzer*innen haben die Möglichkeit, Memos anzuhören, ohne dass die virtuellen Gesprächspartner*innen es wissen. Aber warum sind solche Veränderungen überhaupt nötig? Die ständige Erreichbarkeit durch WhatsApp, Facebook, Instagram und Co. setzt uns einem enormen Druck und Stress aus.

Lange Zeit waren Sprach- und Textnachrichten bei der Benutzung von WhatsApp nicht vollkommen gleichgestellt. Während es bei Textnachrichten schon lange die Funktion gibt, die Lesebestätigung auszustellen, konnte man bei Sprachnachrichten immer noch kontrollieren, wann die Empfänger*in die Nachricht abgehört hat. Mittlerweile färbt sich die Sprachnachricht beim Anhören nicht mehr blau, was bedeutet, dass die Gesprächspartner*innen nicht mehr wissen, wann eine Nachricht abgehört wurde. Aber auch nur dann, wenn die Lesebestätigung nicht mehr aktiviert ist. Ist dem nicht so, färben sich die Sprachnachrichten weiterhin blau.

Dieser Schritt bedeutet für viele Erleichterung, denn die ständige Erreichbarkeit setzt insbesondere junge Menschen unter erheblichen Druck und Stress. Dahinter steht die Annahme, Freunde und Familie zu enttäuschen, wenn man nicht ununterbrochen erreichbar ist und auf Nachrichten sofort eingeht. Das Privatleben gestaltet sich durch die Dauerkommunikation oft stressiger als das Berufsleben, die Ausbildung oder das Studium. Was für die einen zwar eine Freude ist, bedeutet für andere sich einzuschränken – und zwar in der eigenen Kontrollsucht. Viele Menschen verspüren durch das Handy eine Verbundenheit zu anderen Menschen. Oft sind das Menschen, die nicht länger Teil des eigenen Lebens sind. Durch Einstellungen, wie beispielsweise der Funktion zu sehen, wann jemand zuletzt online war, bietet sich die Möglichkeit, am Leben anderer Menschen teilzuhaben. Die Teilhabe ist zwar minimal, aber für viele besser als nichts, denn wir sind fasziniert von dem alltäglichen Leben von Personen im Netz. Ob das jetzt Justin Bieber oder deine Nachbarin Claudia ist, ist dabei vollkommen egal. In jedem von uns ist der Drang und die Neugier versteckt zu sehen, was andere Menschen in ihrem Leben treiben. Und warum machen wir das? Ganz einfach, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Social Media und Messenger-Dienste wie WhatsApp eröffnen uns Türen in die Welten von anderen und lassen uns so aus unserer eigenen entfliehen.

Die Nutzung des Handys macht uns also glücklich – jedenfalls temporär. Danach sind wir oft gestresster als zuvor, weil wir merken, dass wir keine Zeit mehr haben, Dinge in der realen Welt zu machen. Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen, mehrere Stunden am Tag vor dem Smartphone zu verbringen, denn das Handy füttert uns mit interessanten und schönen Dingen, die wir nicht verpassen wollen. Dementsprechend schwer fällt es uns, Benachrichtigungen zu ignorieren. Wir empfinden eine Art FOMO – the fear of missing out – und haben Angst, die Verbindung zu unserem sozialen Umfeld zu verlieren, wenn wir nicht direkt morgens die eingehenden und verpassten WhatsApp-Nachrichten checken. Darüber hinaus gewöhnt man sich an den digitalen Kick, der entsteht, wenn wir durch die Nutzung von Social Media eine soziale Belohnung in Form von Likes und neuen Followern erhalten. Das löst bei uns einen Dopaminschub aus, der uns veranlasst, unsere exzessive Mediennutzung weiterzuführen.

Zukünftig plant WhatsApp weitere Veränderungen. Welche das genau sind, ist noch offen, jedoch bleibt abzuwarten, ob sich die Veränderungen positiv oder negativ auf die Smartphone-Nutzung und unseren Drang, immer online sein zu müssen, auswirkt.

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Bildquelle: Foto von Creative Christians von Unsplash; CC0-Lizenz