Eine Idee Liebe: Darum ist Ghosting scheiße

Ghosting ist scheiße und tut weh. Bild: Pexels

Die romantische Liebe ist zum zentralen Motiv unserer Paarbeziehungen geworden. Dass sie der Kitt zweier Menschenleben ist, ist dabei eine noch recht junge Erfindung. Seitdem hat sich viel getan. In dieser Kolumne beschäftigen sich unsere zwei Autorinnen Lena und Rahel mit dem Ursprung der romantischen Liebe. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ist die Liebe zwischen Swipe links und Swipe rechts nur noch ein Produkt der Liebesökonomie?

Das Date lief eigentlich ganz gut, man teilte eine Flasche Wein, Geheimnisse und die Lippen miteinander. Es wurde gelacht, es war ernst und intim. Verstohlene Blicke versprachen noch mehr. Doch dann? Nichts. Heucheleien vertrösten das abgesagte Treffen. Ein stummer Kontaktabbruch. Das ist keine stille Übereinkunft, das ist Seelenstriptease. 

Doch Ghosting macht bei Dates keinen Halt. Denn auch und vor allem Freundschaften sind davon betroffen. Sie enden nicht in Krieg und Scherereien, wie man meinen könnte, sie enden im Stillen, im Ungesagten. Probleme bleiben unausgesprochen, von heute auf morgen ist alles vorbei. All die Zeit, die Gefühle und Mühe, die man investierte, stürzen in einen Abgrund aus nichts und wieder nichts. Manchmal geht es von beiden Parteien aus, manchmal nur von einer Person, die die andere fallen lässt, einfach so. Doch warum spricht man das auf der Hand Liegende nicht einfach aus? Denn verletzt wird man ohnehin. Wäre da die Wahrheit nicht angemessen?

Denn eins ist klar, Ghosting kann wehtun, und zwar so richtig. Denn die Person, die unbegründet fallen gelassen wird, die nicht weiß, wieso, weshalb, warum, dieser fällt es schwer, mit einer Situation abzuschließen, dessen Ende nie offiziell bekannt gegeben wurde. Wohin sollen die Gefühle, Gedanken und Fragen, wenn es niemanden gibt, der sie beantwortet? Ghosting ist der beste Nährboden für Selbstzweifel und emotionale Abhängigkeit. Oft fällt es den Betroffenen sogar noch schwerer loszukommen, als es ohnehin schon der Fall ist. Sie schwelgen in Erinnerungen und Was-wenn-Fragen, die unbeantwortet bleiben. Die Person, die man mochte, wird zum unerreichbaren Pathos, den man noch mehr will, weil man ihn*sie nicht haben kann. Das Geschehene wird unzählige Male in Gedanken abgespielt. Nochmal und nochmal. Bis man sich selbst die Schuld für den Kontaktabbruch gibt. Doch wie kommt man von einer Person los, mit der es weder einen richtigen Anfang noch ein richtiges Ende gab? Wie stoppt man dieses Kopfkino? Und …

… bedeuten Beziehungen, obgleich sie freundschaftlicher oder sexueller Herkunft sind, nicht immer auch Verantwortung?

Antoine de Saint Exupéry schrieb in seinem Buch „Der kleine Prinz„: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir zu eigen gemacht hast.“ Das sagt der Fuchs zum Prinzen, nachdem der kleine Prinz den Fuchs gezähmt hat – also sich mit ihm angefreundet hat. Die Trennung steht bevor, denn der kleine Prinz muss weiter, zurück zu seiner Rose, die er einfach verlassen hat. In diesem Szenario wird der kleine Prinz zu einer modernen Ghostinggeschichte. Das Zitat jedenfalls ist der eigentliche Kern des kleinen Prinzen. Die bekannten Worte „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ machen ohne den Vertrauenskodex keinen Sinn. Die Wichtigkeit oder die Sinnhaftigkeit der Dinge, wenn man so will, die rührt aus den Verbindungen, die wir eingehen. Ein Mensch wird für uns dann besonders, wenn wir etwas in ihn hinein investieren. Sei es Zeit, seien es Gefühle oder Gedanken. Das, was man in einen Menschen investiert, macht ihn erst wichtig für uns. Geht man diesen Bund ein, also hat man sich erst einmal vertraut gemacht, trägt man auch Verantwortung über die eingegangene Beziehung und deren Verlauf und eventuelle Auflösung.

Als Bücherwurm das Licht der Welt erblickt, verzehrt sie auch heute noch Kästner, Precht und Heidegger zum Frühstück. Auf der Suche nach der perfekten Metapher treibt sie das Fernweh in die schönsten Schlupfwinkel der Erde. Wenn sie nicht schreibt oder liest, findet man sie in den Bergen, beim Klettern, oder auf ihrem Pferd durch die Großstadtprärie reitend.