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Shoppingwütige Kunstmäuse? Ich habe einen Stadtführer nur für Frauen getestet

Braucht es Reiseführer „for women only“? Und was unterscheidet sie von herkömmlichen Stadtguides? ZEITjUNG macht in München den Test.

München bedeutet für mich: Biergarten, Brezen, Fußball, Autos und Schickeria. Ich denke an die Isar, Augustiner Bier und Bowls in jedem Restaurant. Ich denke an den Englischen Garten, den Flaucher, das Deutsche Museum und den verrückten Eismacher. Sicherlich erlebt jeder München anders, so ist München für mich – als Frau. Als ich hörte, dass es einen Reiseführer für München nur für Frauen gibt, habe ich genau diesen für ZEITjUNG unter die Lupe genommen.

Denn bisher kannte ich Reiseführer für Frauen nur für Regionen der Welt, in denen von der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht ein gewisses Risiko ausgeht – Sicherheitskarten, Dress- und Verhaltenscode inklusive. Daher finde ich die Vorstellung etwas merkwürdig, dass die bayerische Landeshauptstadt von Geschlecht zu Geschlecht so anders erlebt werden kann, dass Frauen dafür einen extra Reiseführer brauchen. Also shall we?

„Alles, was Frauen lieben“ – really?

Gestalterisch ist der Reiseführer wunderschön. Aufwändig verarbeitet mit Goldprägung und mattiertem Cover. Interviews mit bekannten Münchnerinnen durchziehen die Kapitel. Inhaltlich ist er unterteilt in die Kapitel Mode & Shopping, Essen & Trinken, Kunst & Kultur, Beauty & Entspannung, Nachtleben & Musik, Architektur, Interior & Design, Escapes und die fünfte Jahreszeit – Wiesn. Also alles, was ein Reiseführer für München hergeben sollte. Auf den ersten Blick, macht der Reiseführer „München: For women only“ seinem Namen und Motto „Alles was Frauen lieben“ alle Ehre. Auf den zweiten Blick, bei genauerem Hinsehen, wirkt dann aber doch alles klischeehaft. Die einzelnen Kapitel scheinen sich nur um die Themen Fashion, Beauty und Lifestyle zu drehen.


 

Frau und Technik?

Ich weiß nicht, in welcher Glitzer- und Fashion-Welt die Herausgeberinnen leben, aber in der Welt dieses Reiseführers mögen Frauen nur Fashion, Beauty und Kunst. Unter der Kategorie Museum listet der Reiseführer nur Kunstmuseen und Galerien auf. Zwei große und wichtige Museen der Stadt – das Deutsche Museum und das BMW-Museum – sind nicht mit dabei. Interessieren sich Frauen also nicht für Naturwissenschaft und Technik? Das finde ich sehr schade, denn 2019 sollte man es eigentlich besser wissen. Ich weiß zwar, dass der Reiseführer dafür gemacht ist, einen „Urlaub mit den Mädels“ zu bespaßen, das heißt aber nicht, dass sich Freundinnen im Urlaub nicht auch mal tolle Museen abseits der Kunst anschauen und nur den ganzen Tag shoppen.

Frau und Shopping!

Apropos shoppen. Das kann man laut dem Reisführer in München ausführlich. Und in der Realität, das kann ich bestätigen, auch. Allerdings lästern die Herausgeberinnen im Vorwort des Kapitels Shopping heftigst über die Münchner Schickeria ab. „Wenn konsumwütige Schnöselpaare Céline-Taschen, Parfums und Kaschmirpullis in den Boutiquen der Maximilianstraße raffen und dann […] schweigend zurück zu ihrem Range Rover laufen“, heißt es da. Und weiter: „Genau wegen dieser Mausifrauen mit ihrem Loafer tragenden Gatten hat München so einen provinziellen Ruf“ und stellen am Schluss die steile These auf, München sei die „liberalste Modestadt der Welt“. So weit, so abgelästert (und glaubt mir, ich will diese Menschen gar nicht in Schutz nehmen). Was dann aber folgt ist eine Auflistung von Boutiquen und Exklusivgeschäften, die zwar nicht Céline heißen oder an der Maximilianstraße liegen, so arm wie in einem Céline-Laden kann man dort aber allemal werden. Nicht nur, dass Shoppen so viel Platz im Reiseführer einnimmt stört mich, ich finde es viel schlimmer, dass im Vorwort „Shopping in München“ erst verurteilt wird, um dann aber keinerlei Alternativen anzubieten, sondern in genau gleicher Manier zu verfahren. Wer verurteilt, muss es selbst besser machen.

Spannende Interviews mit Münchnerinnen

Eine andere Idee des Reiseführers und zwar Münchnerinnen zu interviewen und damit die Kapitel zu illustrieren, finde ich toll. Ich kenne zwar nur wenige, einige Interviews interessieren mich aber trotzdem so sehr, dass ich sie gebannt lese: Autorin Katja Eichinger, Marion Bösker, Pressesprecherin des Literaturhauses, eines mit der Barkeeperin der Bar Gabanyi Franzi Schulz und verschiedenen anderen Kreativschaffenden. Diese Interviews sind interessant, weil sie nach dem Alltag dieser Menschen fragen und ihre Beziehung zu ihrer Heimatstadt München zeigen. Eigentlich kann man auch viel aus diesen Interviews über München durch die Augen einer Frau lesen, oft doppeln sich die Antworten: Fast jede liebt den Englischen Garten, die Isar und ein Glas Rotwein mit den Freundinnen. Wenn hier nicht klar Trends zu erkennen sind.

Fazit: Fashion, Beauty, Lifestyle

Fazit: Die Gestaltung des Reiseführers ist top. Die Restaurant und Cafétipps sind gut gemischt – von Hipstercafés bis Traditionslokale – dort sollte jeder etwas finden. Die Interviews sind interessant und abwechslungsreich. Und wenn du oder deine Freundinnen auf Fashion, Beauty und Lifestyle stehen, ist dieser Reiseführer auch garantiert etwas für euch. Ein riesiger Kritikpunkt ist allerdings die Klischeehaftigkeit des Guides. Über Fashion, Beauty und Lifestyle kommt dieser Reiseführer einfach nicht hinaus, sondern bleibt am Klischee der shoppingwütigen Kunstmäuse hängen – um im Jargon des Reiseführers zu bleiben.

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Bildquelle: Juri Gottschalk.

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