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Hassobjekt: das ewige Self-Love-Gedöns

Auf Instagram und Co. wird sie uns tagtäglich vorgebetet. Aber zählt denn #selflove nur, wenn wir sie unermüdlich auf Social Media zelebrieren?

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Das ewige Self-Love-Gedöns.

Ach, ich kann es nicht mehr hören! Dieses ständige Self-Love-Gedöns ist allgegenwärtig. Der Klassiker: Wenn immer wir gedankenlos durch Instagram scrollen, dürfen wir die selbsternannten Models bewundern, ihren Self-Love-Journeys folgen, ihre Meditationstipps hören und ihre Yoga-Videos anschauen. Sie wollen uns zur bedingungslosen Selbstliebe inspirieren und uns weismachen, wir seien genau so gut, wie ihr gephotoshoptes Bali-Leben. Doch dann folgen wir dem Blick in unsere eigene Realität und stellen ernüchtert fest: Ohne Surfwellen reiten, gratis Urlaub und Detox-Teas ist diese Selbstliebe manchmal gar nicht so einfach. Und dann hassen wir uns ein bisschen. Thanks for nothing.

Die Selbstliebe sollte zur Normalität werden

Ob sie denn mit den Surfwellen und Yoga-Poses tatsächlich einfacher ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Mit der Machtübernahme der Social Media Halbgötter ist das Prinzip der Selbstliebe und Achtsamkeit massiv überbordet. Ja, es ist absolut super und total wichtig, dass wir langsam aber stetig auf das Thema sensibilisiert werden und lernen, uns selber wieder als wichtig und voll zu nehmen. Dass wir auf unsere Bedürfnisse achten und auf die innere Stimme hören, dass wir Zeit und Liebe in uns selbst investieren, schließlich sind wir selber unsere engsten Freunde. Aber irgendwann, wenn alles an die Öffentlichkeit gezerrt wurde, wenn es von allen Seiten beleuchtet, diskutiert und gelebt wurde, sollte Normalität einkehren. Oder besser gesagt: Die Selbstliebe sollte zur Normalität werden. Sie sollte nicht mehr von Like-Geilheit getrübt oder überschattet werden, sie sollte nicht mehr erst dann gespürt werden oder als erfolgreich gelten, wenn wir es unter zig Hashtags gepostet und aller Welt stolz erzählt haben, dass wir eben ganz alleine einen Herbstspaziergang gemacht haben.

Aber stattdessen heben wir die Selbstliebe auf ein Podest, wo sie eigentlich gar nicht hingehört. Mit dieser übertriebenen Darstellung eines Soll-Zustandes, haben viele von uns Normalsterblichen jegliches Selbstverständnis (und das meine ich wörtlich) verloren. Den natürlichen Zu- und Umgang zu und mit uns selbst, mit der Liebe zu uns selbst haben wir vergessen. An dessen Platz ist dieses erzwungene, omnipräsente Gedöns gekommen, bei dem der Schein viel mehr zählt als das Sein.

Wo ist mein rohes, wütendes Selbst?

Und dieses omnipräsente Self-Love-Gedöns und der Druck, uns dauernd selber lieben zu müssen, macht genau das extrem schwer. So schwer, dass ich dabei manchmal glaube, mich vor lauter Self-Love gar nicht mehr zu spüren. Als wäre ich in eine Zuckerwatte-Bubble gepackt, wo ich nur das aufnehmen darf, was ich mit gutem Gewissen als 100% Selbstliebe abstempeln kann. Wo ist mein rohes, wütendes Selbst, das manchmal auf Selbstliebe scheißen will? Wo ist mein Gegenpol, der mich vom abheben hindert? Wo hat die Seite in mir Platz, die sich halt manchmal nicht super findet? Die auch mal wütend ist auf sich selbst, sich schämt, sich verkriechen möchte und das auch darf?

Denn hier in der Realität gibt es sie, die schlechteren Tage. Auf Instagram natürlich nicht, denn welcher Self-Love-Guru möchte sich so sein Geschäft kaputt machen (natürlich weiß ich, dass mittlerweile ganz viele Seiten für ein realistischeres Menschenbild auf Social Media kämpfen, aber der Großteil sieht halt leider immer noch anders aus). Und hier in unseren Leben, zwischen Rechnungen, die sich nicht von alleine zahlen und je nach Zyklus gerade unreiner Haut, will man sich doch auch mal ohne zusätzlich schlechtes Gewissen, einfach zuhause vergraben und im Selbstmitleid verkriechen. Mal nicht achtsam sein müssen und überlegen was mir diese Gefühlslage gerade sagen möchte, oder welcher Ursache, die es schleunigst zu vernichten gilt, diese Selbstzweifel zugrunde liegen. Das ist doch so anstrengend und eigentlich nur ein weiterer Antrieb unserer ewigen Selbstoptimierung.

Manchmal findet man sich halt fett und hässlich und der Pickel auf der Nase stört einfach nur. Das ist auch okay, solange es nicht überhand nimmt. Selbstliebe heißt doch nicht, dass wir uns selber vergöttern müssen. Sie heißt doch nicht, dass wir gesunde, selbstkritische Seiten in uns völlig verdrängen sollen. Sie bedeutet doch, das zu machen was unser Herz will. All die tollen Instagram-Momente kombiniert mit der Erlaubnis, manchmal einfach unglücklich zu sein. Und zu wissen, dass wenn’s echt schlimm wird, man das Werkzeug zur Besserung sofort hervorholen könnte.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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