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Hassobjekt: das Vorhaben zur Routine, das jeden Morgen scheitert

Heute bereits eine Doktorarbeit, ein 5-Gänge-Menü und den Ironman auf Hawaii vor 5 Uhr geschafft! Natürlich nicht.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: die Morgenroutine.

Hi ihr Süßen, na, Lust, aufzustehen?

Wie geht es euch? Heute morgen bin ich mal wieder um 4 Uhr aufgestanden, habe dann eine halbe Stunde Yoga gemacht und meditiert und mir zum Frühstück einen leckeren Smoothie mit Superfruits und allerlei sonstigen Anglizismen gemacht.

Kleiner Scherz.

Natürlich nicht.

In Wirklichkeit habe ich eine Stunde gesnoozed, mich mühsam aus dem Bett gequält und dann versucht, gleichzeitig Kaffee zu machen, mich anzuziehen und panisch meine Sachen zusammen zu packen. Nie stehen sollen und wollen so nah beieinander, wie in dem Moment, indem ich von einem schrillen Piepsen erwache. Ich sollte und möchte auch der Mensch sein, der vor der Arbeit zeitig aufsteht, um noch eine Runde laufen zu gehen und dann mit Weizenkleie bestäubten Ziegenjogurt zum Frühstück isst. In Wirklichkeit ist das Einzige, was ich morgens erreiche, dass mich meine Nachbarn hassen, weil sie stundenlang alle fünf Minuten wieder von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen werden, und dann, dass ich mich bei gefühlten 5 Grad unter der Dusche selbst noch mehr hasse.

Immer noch nicht.

Seitdem ich morgens einen Wecker stelle, erinnert mich das Klingeln an meine Unvollständigkeit. Wollte ich früher zeitig aufstehen, um noch in Ruhe vor der Schule zu frühstücken, wurde die morgendliche To-Do-Liste mit den Jahren immer länger. Mit sisyphorischer Sturheit stelle ich jeden Abend erneut den Wecker, von dem ich tief im Inneren bereits weiß, dass ich ihn morgen früh wieder ignorieren werde. Yoga, Meditation, 3 Seiten schreiben, Golden Retriever Welpen vor dem Ertrinken retten. Ein Blick ins Internet offenbart eine ganze Liste an Dingen, die Menschen, die scheinbar sehr viel organisierter sind als ich, morgens so auf die Reihe bekommen. Mein Leben scheint, damit verglichen, völlig außer Rand und Band zu sein. Chaotisch. Lotterhaft, fast schon unverantwortlich!

Nope.

Dabei strenge ich mich doch so sehr an. Ich habe einen Terminplaner, ich gebe Arbeiten zeitig ab, ich achte auf meinen Vitamin B12 Haushalt. Nur bringt das leider nichts, mein Leben vor 8 Uhr ist weder organisiert noch erwachsen und hat deutlich mehr von einer Afterhour als von der eigentlichen Party. Seit ich klein bin, würde ich so gerne früh aufstehen, stelle mir jeden Morgen rechtzeitig einen Wecker. Früh aufstehen ist tugendhaft, fleißig und lobenswert. Langschläfer sind faul. Auch wenn zahlreiche Artikel und Studien mittlerweile mit dem Klischee brechen, ist diese Meinung doch noch fest verankert, auch in meinem Kopf. Anstatt mir einzugestehen, dass ich morgens vielleicht einfach nicht viel mehr machen sollte, als Kaffee zu trinken und auf das Aufwachen zu warten, quäle ich mich trotzdem jeden Tag aufs Neue. Meine Sturheit im Willen, doch irgendwann eine halbwegs ansehnliche Morgenroutine zu entwickeln, hat etwas von Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen, ich gegen den übermächtigen Gegner Schlaf.

Beim nächsten Klingeln!

Morgensport, ausgiebiges Frühstück, Meditation. Der scheinbar normale morgendliche Ablauf eines jeden YouTubers wird immer als einfach verkauft. Wenn man nur genügend Selbstdisziplin hat, kann man es genauso handhaben und wunderbar fit in den Tag starten. Für mich stimmt das einfach nicht. Das kann ich nicht, das bin ich nicht und dass die komplette Online-Welt mir signalisiert, sie würden es sehr wohl schaffen, ich habe nur nicht genug Durchhalte-Vermögen, macht es nicht besser. In meinem Kühlschrank steht leider kein Oatmeal. Wenn ich es zeitlich noch hinbekomme, mein Bett aufzuschütteln, bevor ich die Wohnung verlasse, bin ich stolz wie ein König und bilde mir ein, ab jetzt hätte ich mein Leben so richtig im Griff. Von stundenlangen morgendlichen Joggingrunden können meine Fitness und ich nur träumen.

Ok.

Vielleicht sollte ich an diesem Punkt aufgeben. Vielleicht ist einfach nicht jeder geboren für eine Morgenroutine. Vielleicht muss ich einfach alles dafür tun, dass meine Morgenroutine möglichst wenig Selbsthass beinhaltet. Vielleicht besteht die einzige Regelmäßigkeit an meinen Morgenden darin, dass ich tatsächlich irgendwann mein kuscheliges Bett verlasse. Vielleicht rauche ich morgen früh auch noch eine Zigarette. Eigentlich rauche ich gar nicht, aber ich werde es als kleine Protestaktion sehen. Mein persönlicher ziviler Ungehorsam gegen das Diktat der Morgenroutine. Pah! Ich brauche keine Routine! Mein Morgen ist vielleicht ungesund, verplant und chaotisch. Aber zumindest kann ich von jetzt an versuchen, mich nicht ab 5 Uhr früh mit Selbstoptimierung zu geißeln. Macht ihr ruhig alle Yoga am Morgen, ich werde euch vom Balkon aus zusehen. Mit Kaffee und Kippe und vielleicht zum ersten Mal ohne schlechtes Gewissen.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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