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Hassobjekt: Millennial Pink aka fancy wording

Millennial Pink ist das Rucola der Farben.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Millennial Pink alias fancy wording.

Eines vorweg: Mit der Farbe Millennial Pink habe ich kein Problem. Zu deutsch ALTROSA (!) tangiert meinen Alltag wenig, höchstens mal in einem Geschäft. Ich habe, ehrlich gesagt, gar keine Gefühlslage zu Altrosa. Ich denke höchstens an die Kittelschürzen und Strickjäckchen von Omas, ansonsten wars das auch mit Assoziationen. Bei Millennial Pink allerdings – da denke ich an Sonnenuntergänge, fancy Klamotten hippe Menschen, IPhone-Cases, Fashion-Influencer und Festivalglitter. Kurzum: Ich will Millennial Pink sein. Ich will es leben, atmen, und erleben. Denn ja, ich bin wie wir alle ein Opfer der Marketingindustrie. Und deshalb hasse ich Millennial Pink gleichzeitig – denn what the fuck ist Millennial Pink?!?

Millennial Pink ist ein Erfolgsprojekt

Etwas so absolut Normales wie Altrosa in DEN Shit des Jahrtzehnts zu verwandeln durch einfach nur ein bisschen englisches Wording – das kotzt mich an. Gib etwas absolut Belanglosem einen englischen Namen und sie werden es lieben! Herzlichen Glückwunsch an die Werbeagenturen dahinter – Millennial Pink ist ein Erfolgsprojekt. Denn ALLE lieben es. Gib einer Sache ein englisches „Wording“ –  keinen Namen, „Wording“ heißt das im Fachjargon – streu Glitzer drauf und es wird geil!

Ihr glaubt mir nicht? Ich beweise es euch:

Millennial Pink ist das Rucola der Farben

Same same but different: Beweisstück A – Rucola. Rucola heißt eigentlich Rauke, genauer gesagt sogar Senfrauke (Makes sense oder? Rucola schmeckt manchmal so scharf wie Senf). Die Rauke wurde seit Jahrtausenden von Menschen verspeist, geriet aber in Vergessenheit. Klingt halt nicht so sexy. Kein Mensch aß Rauke bis sie unter ihrem schicken italienischen Namen den Boom der 2000er-Jahre erlebte. Wir schmissen Rucola nur so auf unsere Salate, Pizzen und Pasta. Lass dat Ding mal italienisch machen und es wird geil!

Fuck the Overnight Oats and call it Haferbrei!

Beweisstück B: Seit meiner frühen Kindheit aß ich regelmäßig Haferbrei zum Frühstück. Schön mit Milch und Kakaopulver gekocht, wärmte mich der dampfende, dicke Brei morgens vor einem langen Schultag. Davon erzählte ich eigentlich niemandem, denn Haferbrei klingt halt nicht so schön und mein Frühstück war mir zu dem Zeitpunkt relativ egal, hauptsache es schmeckte mir. Kein Mensch aß Haferbrei, das dachte ich zumindest, geprüft hatte ich es nie bis der popelige Haferbrei unter dem fancy Namen Overnight Oats den Frühstücksboom der 2010er-Jahre erlebte. Land auf, Land ab schaufelten wir die Oats nur so in uns rein, schön overnight gequollen mit Chiasamen und Gojibeeren, instagrammable rund um die Uhr. Lass dat Ding englisch machen und es wird geil!

Oberflächlich, blasiert und berechenbar

Mich macht das traurig. Das hat auch nichts mit englischen versus deutschen Namen zu tun. Sondern mich stört, dass wir als kaufkräftige Masse einfach so berechenbar und manipulierbar sind. Gib einer Sache einen aufregend klingenden Namen und die Leute werden es lieben. Nein, sie werden dich dafür anbeten. Einer Sache nur einen crazy Namen zu geben, beziehungsweise die Sprache um diesen Gegenstand zu ändern, mag effektiv sein, die Wertschätzung für das eigentliche Produkt geht dabei aber doch irgendwie vollkommen verloren?! Es ist oberflächlich und blasiert, dass gewisse Dinge anscheinend nur eine Daseins-Berechtigung haben, wenn sie mit einem schicken Namen, der gut vermarktbar und soooooo internätionäl ist, ausgestattet sind. Was ist denn bitte so falsch altrosa, Rauke oder Haferbrei zu sagen? An sich ist das doch die genaue Beschreibung dieser drei Dinge? Aber nein, das ist piefig, abgestanden und altbacken- wir brauchen Freshness auf dem Markt, Freshness in der Shoppingmall und Freshness auf dem Teller- auf dem millennial pinken Teller versteht sich.

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Bildquelle: Unsplash mit CCO Lizenz.

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