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Catcallsofmuc: „Catcalling ist nicht sehr kontrovers“

Mit Kreide gegen Straßenbelästigung: Catcallsofmuc macht Belästigung dort sichtbar, wo sie häufig passiert: auf der Straße. Wir haben sie begleitet.

Julia nimmt konzentriert eine bunte Kreide aus der Dose und beginnt in langsamen Zügen den Boden zu beschriften, mitten in der Münchner Innenstadt. Neben ihr kniet Ege, was immer Julia schreibt, zeichnet er nochmal mit Kreide nach. „Eigentlich bin ich ein sehr selbstbewusster Mensch“, sagt Julia, „aber jedes Mal so in die Öffentlichkeit zu gehen und vor allen Leuten etwas auf die Straße zu schreiben, ist trotzdem immer wieder aufregend“. Es vergehen keine fünf Minuten und die ersten Passanten bleiben stehen und beäugen skeptisch die Schrift auf der Straße.

Catcallsofnyc als internationales Vorbild

Julia und Ege engagieren sich bei Catcallsofmuc. Die Initiative setzt sich gegen das sogannte Catcalling, also sexuelle Belästigung auf der Straße ein. Betroffene können ihre Catcallingerlebnisse über Instagram einschicken. Catcallsofmuc zieht dann los zum Ort des Geschehens und schreibt auf die Straße, was damals passierte. So soll Catcalling sichtbar und zur Diskussion angeregt werden. Ursprünglich wurde die Initiative in New York gegründet, doch ist mittlerweile in vielen Metropolen auf der ganzen Welt vertreten. Denn Catcalling ist ein globales Problem.

Bei einer New York-Reise über das Leadership-Projekt Youth Bridge trafen Ege und Julia, sowie die dritte im Bunde Szofia, die Gründerin von Catcallsofnyc Sophie Sandberg. Julia initiierte damals das Treffen, denn der 16-Jährigen schwebte die Idee, das Catcalling-Projekt auch in München umzusetzen, schon länger im Kopf herum. Ege allerdings war erst durch das Treffen mit Sophie Sandberg mit dabei: „Als ich mit Sophie gesprochen habe, ist mir bewusst geworden, dass Catcalling ein wirklich ernsthaftes Problem ist und ich habe auch gesehen, dass viele Mädchen vor Ort ihre Erfahrungen geteilt haben“.

85% der Frauen erleben ihren ersten Catcall bevor sie 17 sind

Wie viele Frauen Catcalling, also sexuelle Belästigung auf der Straße erleben, sehen Julia und Ege täglich. Die beiden kommen fast nicht nach, die Erlebnisse der Betroffenen auf die Straße zu schreiben. Ungefähr 30 Catcalls müssen sie aktuell nachholen, sagt Julia. Dass Catcalling ein verbreitetes Phänomen ist, das zeigt nicht nur die Inbox von Catcallofmucs Instagramaccount. Laut einer Studie der Cornell University von 2015 erleben 85% der Frauen deutschlandweit ihre erste sexuelle Belästigung vor ihrem 17. Geburtstag. 68% sogar vor ihrem 15. Geburtstag. 66% der befragten Frauen wurde im vergangenen Jahr begrapscht oder befummelt. Julia bestätigt diese Zahlen aus eigener Erfahrung: „In meinem Umfeld gibt es keine einzige Frau, die noch nie sexuelle Belästigung auf der Straße erlebt hat.“

Catcalling ist „kein sehr kontroverses Thema“

Die Beiden schreiben alles auf, was ihnen berichtet wird. „Oft sind das wirklich krasse Stories, die wir hören“, sagt Julia. Und auch der Catcall, den sie heute auf die Straße schreiben, lässt wenig zu wünschen übrig. Eine Frau hat sich an sie gewandt. Als diese 13 Jahre alt war, kommentierte ein circa 50 Jahre alter Mann ihren Besuch bei einer Eisdiele mit „Es gefällt mir extrem wie du dein Eis schleckst. Ja, das macht mich richtig an.“. Also suchen sich die beiden eine Eisdiele in der Nähe, denn die Betroffene konnte sich nicht mehr erinnern, wo das damals genau passierte. „Wenn eine Person uns schreibt, dann hat sie sich ehrlich belästigt gefühlt. Die meisten Sachen sind so, dass wirklich jeder sagen würde, das ist Belästigung“, sagt Julia. Sobald die beiden Initiatoren ihre Kreiden auspacken und die ersten Worte zu lesen sind, vergehen keine fünf Minuten und die ersten Passanten bleiben stehen. Ege und Julia suchen das Gespräch mit ihnen, klären über ihre Initiative und über Catcalling auf.

Ein Catcall ist kein Kompliment

„Am Anfang gibt’s schon unreflektierte Kommentare oder Gedanken dazu, aber wenn man mit den Leuten spricht und es ihnen erzählt, dann sind sie einsichtig. Ich finde, das ist jetzt auch kein sehr kontroverses Thema“, sagt Ege, „denn es gibt ja einen Konsens, dass man sich gegenseitig nicht belästigen möchte. Das Problem ist nur, dass es Menschen gibt, die denken, dass es Komplimente sind. Und die müssen einfach nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass es eine individuelle Grenze gibt, die von den Menschen festgesetzt wird, die das ‚Kompliment‘ bekommen. Und nicht von den Leuten, die das ‚Kompliment‚ machen“. Ege erzählt, dass er selbst sich überhaupt nicht bewusst war, wie groß das Catcallingproblem in unserer Gesellschaft ist, bevor er sich selbst der Initiative anschloss.

Um eine gesellschaftliche Diskussion über Catcalling anzuregen, versucht er nicht nur auf der Straße mit Menschen ins Gespräch zu kommen, sondern auch in seinem privaten Umfeld zu wirken: „Viele Freunde von mir waren anfangs dagegen und haben gesagt: ‚Das sind nur Komplimente, was regt ihr euch überhaupt auf?‘ Ich sag ihnen dann, dass es drauf ankommt, was die Person empfindet. Ich sage ihnen dann, dass ein Kompliment dazu da ist, dass die Person sich wohlfühlt. Und wenn die Person sich nicht wohlfühlt, dann wars auch kein Kompliment. Langsam, langsam kommt man damit an. Und wenn gar nichts hilft, dann sage ich: stell dir vor deine Freundin oder stell dir vor deine Schwester….das hilft immer“, sagt der 21-Jährige.

Kontext zeigen und mit offenen Ohren durch die Welt gehen

Sobald der Catcall fertig geschrieben ist, geht es für die Beiden ans Fotos machen. Denn jede Aktion von Catcallsofmuc wird für Instagram aufbereitet. Zuerst erscheint das Bild mit dem Kreideschriftzug, dann die Nachricht mit der Geschichte hinter dem Catcall. „Uns ist wichtig, dass wir immer den Kontext zeigen, denn auch nur ein ‚Hübsche Mädels‘ kann schon ein Catcall sein, das hängt immer von der Situation ab“, sagt Julia. „Genau das ist mir vor Kurzem mit ein paar Freundinnen passiert und das war definitiv kein Kompliment.“

Die Mitarbeit an Catcallsofmuc hat die beiden sensibilisiert. „Mir ist das Problem jetzt bewusst“, sagt Ege, „und ich habe gelernt konstruktiv zu diskutieren“. Auch Julia nimmt etwas für sich aus dem Projekt mit: „Ich gehe mit offenen Ohren durch die Welt und bin sensibler für Catcalls geworden, aber interessanterweise auch für nett gemeinte Komplimente. Der Unterschied wird einem selbst immer deutlicher bewusst, je mehr man sich damit beschäftigt“.

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Bildquelle: Christina Amarens / ZEITjUNG

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