Jung und konservativ – Geht das?

Frau und Mann von hinten

Eine Kleinstadt in NRW, irgendwo im Ruhrgebiet. Auf dem Weg hierher bin ich vor allem über Landstraßen gefahren. An Kraftwerken und Windkrafträdern vorbei. Hier ein Maisfeld, da ein Rewe. Auf großen Plakaten am Straßenrand ziehen die Wahlplakate an mir vorbei.

Ich bin unterwegs zu Malte. Wir kennen uns über drei Ecken, waren mal im selben Sportverein, dann trennten sich unsere Wege. Wie das so ist, wenn man für das Studium wegzieht. Auf Facebook blieben wir befreundet. So oberflächlich das auch sein mag. Man redet nicht viel. Liked hier ein Bild, schickt da Glückwünsche zum Geburtstag. Verfolgt das Leben des anderen aus der Ferne.

Ich biege auf die Einfahrt eines Mehrfamilienhauses ein. Grün ist es hier. Nett, irgendwie. Ich klingle im dritten Stock, keine zehn Sekunden später öffnet sich die Türe und Malte strahlt mich an. Die Situation ist für uns beide seltsam. So förmlich. Wir reden erstmal über dies und das, er zeigt mir seine Wohnung. Hohe Decken, weiße Wände, Schallplatten in den Regalen, einen Plattenspieler sehe ich nicht. Er bietet mir ein Wasser an und wir setzen uns an den großen Holztisch im Wohnzimmer. Ich ziehe meinen Laptop aus der Tasche, öffne das Worddokument mit meinen Fragen.

Zur Auflockerung bitte ich ihn, sich kurz für die Leser zu beschreiben. Er überlegt. „Was gibt es da groß zu sagen? Ich heiße Malte, bin 26 Jahre alt, arbeite im öffentlichen Dienst. Ich bin hier vor einem Jahr mit meiner Freundin zusammengezogen. In meiner Freizeit bike ich gerne oder spiele Fußball. Manchmal geh ich mit Freunden bouldern.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Wasser, dann fährt er fort. „An den Wochenenden treffen wir uns gerne mit unseren Freunden zum Kochen oder Grillen. Was gibt es sonst zu sagen? Ich bin Einzelkind. Meine Mum arbeitet bei der Stadt, mein Dad ist selbstständig.“

Ich nicke und tippe fleißig mit. Dann falle ich mit der Türe ins Haus: „Und du wählst die CDU?“

Er lacht kurz, dann grinst er. „Sehr subtil. Ja genau. Bei der letzten Bundestagswahl habe ich die CDU gewählt. Aus Überzeugung.“

„Warum das?“

„Gute Frage, die CDU steht für mich für Souveränität und Sicherheit. Ich fand Merkel hat das immer gut gemacht. Ich bin ja quasi mit ihr aufgewachsen und ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass sie unser Land hervorragend vertritt. Kein anderer konnte so perfekt mit Putin oder Trump umgehen. Das finde ich bewundernswert. Außerdem hat sie vernünftige Werte vertreten.“

Ich bin skeptisch: „Zum Beispiel?“

Er schaut an die Wand hinter mir, an der ein Bild von seiner Freundin und ihm hängt: „Familie zum Beispiel. Zuverlässigkeit. Und sie hat eine große wirtschaftliche Kompetenz. Wir haben zu Hause immer schon viel über Politik geredet. Als ich klein war, lief abends die Tagesschau und mein Dad hat dazu seine Kommentare abgegeben. Als ich größer wurde, haben wir dann auch häufiger über verschiedene Themen diskutiert. Wirtschaft war da immer ein großer Punkt oder auch die Bildung. Ich hab dann irgendwann sogar über einen Parteieintritt nachgedacht.“

„Und warum hast du es dann doch nicht gemacht?“ Im Stillen bin ich froh, dass er sich dagegen entschieden hat.

Er schüttelt langsam den Kopf. „Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich hatte mit dem dualen Studium immer viel zu tun. Das hat sich ja erst in den vergangen zwei Jahren gebessert. Und dann waren mir andere Dinge einfach wichtiger.“

„Okay, aber du hast ja jetzt die ganze Zeit nur Gründe genannt, warum du die Union gewählt HAST. Wie sieht es denn bei der kommenden Wahl aus? Jetzt wo Merkel nicht mehr kandidiert?“

„Rahel, hättest du mich vor sechs Monaten gefragt, hätte ich dir ähnliche Antworten gegeben. Doch ehrlich gesagt bin ich verunsichert.“ Seine Finger trommeln auf den Rand des Wasserglases.

„Warum das?“, frage ich.

Malte überlegt kurz. „Ich denke einfach viel mehr über meine Wahlentscheidung nach, auf der einen Seite fällt mir keine bessere Alternative ein und ich halte die CDU auch für sehr kompetent im Bereich der Wirtschaft und sicher auch der Bildung. Aber auf der anderen Seite sind da Punkte, die man nicht vernachlässigen kann.“

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.