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Acht Bier pro Tag: Wenn gute Freunde ihr Alkoholproblem nicht erkennen

Liegt es in unserer Verantwortung, unseren Freunden in ihren Alkoholkonsum hineinzureden?

„Jung und immer abstinenter“ betitelt die Tagesschau ihren Artikel zur Studie zum Alkoholkonsum von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus diesem Jahr. Laut dieser Studie trinken Jugendliche immer maßvoller und weniger als früher, und auch bei allen über 25 Jahren sei der Alkoholkonsum rückläufig.

Trotzdem hat jeder diesen einen Freund, der sechs bis acht Bier am Abend trinkt. Und das jeden Abend. Auch, wenn er allein ist. Man selbst merkt, dass da irgendwas nicht stimmt und das Ganze irgendwie total aus dem Ruder läuft. Doch wie verhält man sich? Spricht man den Freund drauf an? „Ja“, sagt Martin Weber, stellvertretender Geschäftsführer der Suchtberatungsstelle Dialog in Wien. „Genau darin liegt meine Verantwortung als Freund.“ Und genau dort endet sie auch, denn „die Verantwortung der Veränderung liegt bei dem Konsumenten selbst.“ Aber was genau heißt das?

 

Es ist auffällig, also sprich es an!

 

Sobald das Verhalten meines Freundes für mich auffällig ist, bedeutet das eben auch, dass es früher oder später Konsequenzen auf sein Leben hat – ob jetzt psychischer oder physischer Art ist irrelevant. Relevant ist nur, dass es mir auffällt und, dass ich mir Sorgen mache. Genau das sollte auch genau so kommuniziert werden, sagt Weber. „Man muss rückmelden, was man selbst sieht und es in ich-Botschaften verpacken. Also: Ich mache mir Sorgen, dass… oder mir fällt es schwer, mich mit dir zu unterhalten, wenn du nicht nüchtern bist.“ Womit man auf keinen Fall rechnen sollte ist direkte Einsicht. „Die meisten Reaktionen sind Ablehnung und Verleugnung oder auch Aggressivität.“

Oft sind es dann Aussagen wie „Du trinkst doch selbst!“ oder „Wo ist das Problem? Ich kriege mein Leben doch auf die Reihe!“, mit denen man sich konfrontiert sieht. Auf diese Diskussion solle man sich auf keinen Fall einlassen, so Weber. „Man muss immer wieder darauf beharren, dass man sich Sorgen macht und sich im Verhalten des Freundes eben etwas verändert hat.“ Selbst, wenn man völlig auf Granit beißt, das bloße Ansprechen rege in den allermeisten Fällen trotzdem zum Nachdenken an.

Allerdings ist die Situation dadurch nicht gelöst. Jemand, der tatsächlich alkoholabhängig ist, wacht nicht auf einmal auf und sagt sich: Ach jetzt, wo es mein Freundeskreis mitbekommt, da lass ich das mit dem Trinken einfach.

 

Was kann ich noch tun?

 

„Grenzen setzen und Rituale aufbrechen“, erklärt Weber. „Geht man zum Beispiel sonst immer in eine Kneipe, um sich zu treffen, muss man jetzt etwas Neues finden. Man sollte auf gar keinen Fall mitkonsumieren und gegebenen Falls Regeln für den Umgang aufstellen.“

Zum Beispiel: „Wenn wir uns treffen, möchte ich nicht, dass du vorher getrunken hast.“ Genauso könne man Informationen weitergeben, dürfe aber auf keinen Fall Druck ausüben. Wichtig ist, sich vorher selbst ausreichend zu informieren, um eine Basis aus Fakten und Argumenten zu schaffen. Dennoch gilt: Man ist als Freund nicht verantwortlich. Die Verantwortung liege einzig und allein im Ansprechen. „Die Verantwortung der Veränderung liegt bei dem Konsumenten selbst“, erklärt Weber.

 

Wann sollte ich mir selbst Hilfe holen?

 

Gerade, wenn man zusammenlebe, entstehe oft eine Eigendynamik der Situation, weil man entweder aus Scham oder falscher Solidarität eben nicht das Gespräch suche – mit Distanz sei das natürlich deutlich einfacher, erklärt Weber. Spricht man es an und es ändert sich nichts, gilt: „Regeln aufstellen und einfordern. Oder etwas an meinem Leben ändern.“ Nochmal: Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

In dieser Verantwortung für mich selbst, muss ich dann auch entscheiden, ob ich Hilfe brauche. Bei Beratungsstellen wie Dialog bekommt man Tipps und kann sowohl anonym als auch persönlich das Gespräch suchen. Außerdem gibt es Selbsthilfegruppen für Angehörige von Suchterkrankten, bei denen man sich austauschen kann. Der erste Schritt ist allerdings, sich einzugestehen, genau wie bei dem Konsumierenden selbst, dass man es allein nicht schafft.

 

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