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Warum die Anzahl deiner Lebensjahre dir vollkommen egal sein sollte

Mit 18 der erste Schulabschluss, mit 24 die erste gemeinsame Wohnung. Klingt angemessen. Aber wer legt das fest?

Zum 18. Geburtstag gab es einen Eierlikörkuchen mit bunten Streuseln. Daran erinnere ich mich noch. Eine gute Mischung aus Kindergeburtstag und Kuchen für Erwachsene. Eine solche war ich ja nun, meinem Ausweis nach zumindest.

Altersangaben führen direkt zu Bewertungen

Schon immer, wenn sich irgendjemand nach meinem Alter erkundigt, ist es mit einer Bewertung verbunden. Egal, wie alt ich war, die Antwort darauf war immer ein buntes Potpourri an „das-kann-du-noch-nicht-machen“s und „das-kannst-du-nicht-mehr-machen“s. Es scheint irgendwo einen wunderbar klar formulierten Katalog zu geben, der besagt, was sich in welchem Alter schickt – und was nicht. Nur habe ich ihn bisher nicht gefunden.

Lieber jünger!

In der einen Hälfte meiner Lebenszeit wünsche ich mir, jünger zu sein. Wünsche mir, sorglos Nächte durchtanzen zu können, ohne berufliche Verpflichtungen am nächsten Tag oder den Kater, der irgendwann zum Morgen danach dazugehört. Wünsche mir, noch nicht mit meiner Zukunft konfrontiert zu sein. Wünsche mir die Sorglosigkeit zurück, die Dinge auf mich zukommen lassen zu können. Wünsche mir die Zeit ohne Rentenversicherungsbeiträge, Krankenkasseninformationsschreiben und Steuererklärungen. Wäre gerne wieder über beide Ohren verliebt, ohne die Skepsis und die Vorsicht, die sich mit den Jahren aufbaut. Würde gerne nach Hause kommen, heiße Schokoladen trinken, mich von meiner Mutter ins Bett bringen lassen und Astrid Lindgren lesen.

Lieber älter!

Den Rest der Zeit wäre ich gerne schon älter, hätte gerne, dass alles etwas geregelter zugeht. Wüsste gerne, wo ich stehe und wo ich hinmöchte. Wäre gerne gefestigter und nicht mehr permanent auf der Suche nach noch mehr Leben. Hätte gerne einen Hund und eine Wohnung, aus der ich nicht nach einem halben Jahr wieder ausziehe, in der sich mehr Hausrat befindet, als meine Matratze.

Oder doch nicht?

Auch das sind alles Klischees. Natürlich ist nicht jeder in seiner Jugend unbeschwert, geschweige denn, dass sich das Leben automatisch ordnet, sobald man ein bestimmtes Alter erreicht hat. Aber es besteht scheinbar ein kausaler Zusammenhang – ich bin soundsovielte Jahre alt, daher sollte ich mich jetzt langsam mal um (hier könnt ihr einfügen, was auch immer ihr wollt:  Einen Bausparvertrag. Ein Kinderbettchen. Schnaps mit Anisgeschmack…) kümmern. Dabei sind die glücklichsten Momente die, in denen das Alter genau richtig scheint, in denen man sich darüber klar wird, dass man gleichzeitig sehr jung und sehr alt sein kann. Auf den Satz „wir sind doch noch jung“ folgen meist sehr lustige Geschichten, ähnlich denen nach „wir sind eigentlich zu alt für sowas“. Für mich alleine wäre das alles kein Problem. Ich könnte ohne Probleme in Ringelsocken zu Rolf Zuckowski in der Küche meiner Wohnung tanzen und eine Flasche Rotwein trinken. Nur offensichtlich stört sich jeder andere Mensch daran, wie ich mein Leben lebe. Ich bin zu jung, um mitzureden und zu alt, um Fehler zu machen. Zu kindlich, um Heidegger gut zu finden. Zu alt für dumme Witze. Zu jung für den einen Menschen, zu alt für den nächsten. Zu jung für Kinder. Zu alt, um mich wie eins zu benehmen.

Das Alter ist immer mehr, als nur eine Zahl

Das Alter wirkt wie so eine unscheinbare Zahl, zieht jedoch einen unendlichen Rattenschwanz nach sich. Du bist also 20? Naja, dann hoffe ich mal, dass du bereits einen Schulabschluss, mit einer Berufsausbildung angefangen, nächtelang gefeiert und ein wenig so getan hast, als seiest du unbeschwert. Außerdem solltest du bereits eine feste Beziehung gehabt haben, aber um Gottes Willen nichts allzu Ernstes, du bist doch erst zwanzig. Nudeln mit Pesto solltest du zubereiten können, flambiertes Nackenfilet eher weniger. Die Liste geht endlos weiter. Jedes Alter ist mit einem immensen Druck verbunden. Druck, der sich daraus konstituiert, was man irgendwann, irgendwo aufgeschnappt hat, dass es in diesem Alter wichtig sei.

Aber warum?

Warum ist das so? Würde uns das Lebensalter wirklich zu irgendetwas berechtigen oder verhindern, müsste man um 0:00 an jedem Geburtstag eine enorme Veränderung bemerken. Diese erwartet man als Kind auch noch, realisiert aber irgendwann, dass kein Blitz in deinen Kopf einschlagen wird, und dich wie durch ein Wunder ein Jahr reifen lässt. Die Anzahl an Jahren, die man auf der Erde verbracht hat, sagt in keinem einzigen Bereich viel über die Eignung aus. Jeder Mensch jedoch macht andere Erfahrungen und sammelt anderes Wissen an, der eine ist mit 20 jung, der andere durchlebt diese Jugendphase erst viel später.

Jeder Einzelne ist mal jung, mal alt

Und kein Mensch auf dieser Welt passt in eine Schublade, auch nicht in solche, die durch die Lebensjahre definiert werden. Deswegen ist es auch vollkommen in Ordnung, gleichzeitig keine Ahnung zu haben, wohin man im Leben will, dafür aber genau zu wissen, mit welcher Person man es verbringen möchte. Eine eigene Wohnung zu haben und trotzdem nur Nudeln kochen zu können. Freitagabend mit einem französischen Stummfilm zuhause zu bleiben und am Sonntag mit der besten Freundin um 5 Uhr morgens aus einem Club zu stolpern. Wir sollten uns davon unabhängig machen, in diesen Kategorien zu denken.

Der Eierlikörkuchen war genau deswegen so gut, ohne die Streusel hätte etwas gefehlt. Und die rosa Kerzen, die müssen auch heute, mit Mitte 20 noch sein. Sonst wäre es ja furchtbar langweilig.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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