Zeit

Die Zeit ist schon ein komisches Konzept. In einem Moment hat man sie und im nächsten rinnt sie einem durch die Finger. Auch auf unsere Verabredungen hat die Zeit einen empfindlichen Einfluss. Aber was tun, wenn man ihr ständig hinterherrennt? Ein Plädoyer für die Unpünktlichen.

Wenn ihr ein bisschen wie ich seid und auch nach Vollendung des 25. Lebensjahres das Konzept ‚Zeit‘ immer noch nicht so ganz begriffen habt, dann ist der Text hier für euch. Denn eins ist klar, wenn die Deutschen in einem Punkt überhaupt keinen Humor haben, dann ist es das Thema Pünktlichkeit.

Pünktlichkeit als Kulturgut

Wie gerne erinnere ich mich an die vielen Stunden, die ich dank meines Großvaters an Flughäfen, Bahnhöfen und Raststätten verbracht habe. Zeit, die ich viel lieber noch in meinem kuscheligen Bett gelegen hätte, doch nicht mit meinem Opa. Der alte Herr – seines Zeichens Hobby-Stratege und Profi-Planer – verfolgte zeitlebens den Grundsatz: „10 Minuten vor der Zeit, ist Soldatenpünktlichkeit.“

Nur, dass seine 10 Minuten meist eher in eine halbe Stunde ausarteten, sodass er mich stets gut gelaunt und pfeifend an kalten Morgen an den S-Bahnhöfen der umliegenden Dörfer absetzte, damit das Kind auch ja nicht zu spät kommt. Noch im Halbschlaf und mit zerzausten Haaren stand ich so frierend auf dem Bahnsteig und wunderte mich über die Entschlossenheit meines Großvaters.

Ich für meinen Teil bekam dieses Gen jedoch leider nicht vererbt, was mir erst so richtig bewusst wurde, als ich irgendwann selbst Autofahren konnte und mein Leben organisieren musste. In der Uni fiel das noch nicht so sehr auf, schließlich gibt es dort die akademische Viertelstunde, doch das Arbeitsleben verstand da nicht so viel Spaß. Wecker, Timer und Kalendereinträge wurden fortan zu meinen Lebensrettern, denn das natürliche Gefühl für die Zeit fehlte mir komplett.

Es ist ja leider auch nicht so, dass ich dabei ein besonders entspannter Mensch wäre. Meine Unpünktlichkeit ist mir furchtbar peinlich, wodurch ich ständig versuche sie zu vermeiden. Die Folge: Dauerstress und das ständige Gefühl, etwas vergessen zu haben.

Die Rettung

In einem Sommersemester bot meine Uni schließlich einen Vortrag zum Thema Zeitmanagement an und ich konnte gar nicht schnell genug zusagen. Mein Highlight: Die Dozentin kam 10 Minuten zu spät. Na, da schau einer an.

Entgegen meiner Erwartung lernten die Anwesenden an diesem Nachmittag jedoch verhältnismäßig wenig über Tools und Strategien, sondern mehr über die Psychologie hinter dem ständigen Zeitmangel.

1. Multitasking

Chronisch verspätete Menschen sind selten zu faul oder respektlos, sondern haben zu viel im Kopf. Sie neigen dazu, zu viele Dinge gleichzeitig erledigen zu wollen und vergessen darüber die Zeit. Drei Aufgaben, die unter normalen Umständen nacheinander vielleicht 20 Minuten gebraucht hätten, verschlingen durch das vermeintliche Multitasking mal gut und gerne das doppelte an Zeit. Multitasking ist dementsprechend ein Fehlschluss. Das menschliche Gehirn ist überhaupt nicht in der Lage mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Versucht man es dennoch, erzeugt man einen Error. Insbesondere Entscheidungsprozesse überfordern unser Hirn maßlos. Wenn wir also am Telefon nach einem Termin gefragt werden und uns gleichzeitig zwischen drei Paar Schuhen entscheiden müssen, steigt die Fehlerquote für beide Lösungen massiv. Unpünktliche Menschen sind also nicht dumm oder chaotisch, sondern lediglich überfordert

2. Zeit für Optimisten

Wenn das mal keine schönen Aussichten sind. Unpünktliche Menschen sind optimistischer, denn sie gehen davon aus, dass sie in einer kürzeren Zeitspanne mehr Aufgaben unterbringen können als andere. Das kann vor allem im Beruf hilfreich sein. So ergab eine Studie unter Sales-Mitarbeiter*innen, dass Optimist*innen 88 Prozent mehr Verkäufe abschlossen als ihre Kollegen. Sie glauben daran, dass es schon klappen wird und trauen sich dadurch mehr zu. Gleiches gilt übrigens beim Erreichen von Anschlüssen. Wer fest daran glaubt, dass er den Zug noch erreicht, der schafft es meistens auch. Nicht, weil er telepathische Kräfte hat, sondern einfach, weil er eher losrennt, anstatt sich mit der Verspätung abzufinden.

3. Zuspätkommer sind kreativer

Laut einer Studie von 2001, die im Journal of Applied Social Psychology veröffentlicht wurde, gibt es zwei unterschiedliche Persönlichkeitstypen, die die Zeit unterschiedlich wahrnehmen. Für die Studie wurde ein Experiment durchgeführt, in dem die Befragten schätzen sollten, wann eine Minute vorbei ist. Typ-A-Proband*innen schätzten die Minute auf durchschnittlich 58 Sekunden, Typ-B-Proband*innen stoppten die Zeit erst nach durchschnittlich 77 Sekunden. Und auch andere Charaktermerkmale lassen sich unterscheiden. So gilt Typ A als zielorientiert, ehrgeizig und ungeduldig. Typ B ist hingegen ausgeglichen, kreativ und emotional. Wenn du eher unpünktlich bist, stehen die Chancen dementsprechend gut, dass du zu Typ B gehörst.

Falls du also demnächst mal wieder an deinem Verstand zweifelst, kannst du ganz beruhigt sein. Du bist weder respektlos, noch unfreundlich, deine Uhr geht einfach immer ein bisschen nach.

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Bildquelle: Ron Lach auf pexels, CC0-Lizenz