Eine Mutter sitzt mit ihrem Kind auf einem Bett und guckt traurig zur Seite. Bild: Pexels

Hast du schon mal etwas von dem Phänomen Regretting Motherhood gehört? Nein? Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Bereuen der Mutterschaft ein Tabuthema ist. Mutter sein und Reue passen einfach nicht zusammen – jedenfalls dann nicht, wenn man den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht werden will. 

Die Debatte wurde in Deutschland erstmals losgetreten, als 2015 eine wissenschaftliche Studie der Israelin Orna Donath zum Thema „Regretting motherhood“ – was zu Deutsch so viel heißt wie „die Mutterschaft bereuen“ – veröffentlicht wurde. In dieser Studie befragte die Soziologien 23 israelische Mütter im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 in intensiven Interviews zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle. Demnach haben alle Frauen eine Gemeinsamkeit: Sie lieben ihre Kinder, sind aber unglücklich in ihrer Rolle als Mutter. Auf die Frage von Donath, ob sie, wenn sie die Möglichkeit hätten, die Zeit wieder zurückzudrehen, wieder Mutter werden würden, antworteten alle Frauen mit nein. Sie empfinden das Muttersein nicht als ein Gefühl der Glückseligkeit, sondern als Last

Frauen als selbstständige Individuen 

Was vielen in den Sinn kommt, wenn sie daran denken, dass eine Frau bereut, Mutter geworden zu sein, ist, dass sie ihr Kind nicht liebt und vernachlässigt. Das ist laut der Soziologin oft ein Irrglaube. Auch absolute Wunschkinder können unter ihren Eltern leiden – das hat nicht primär etwas damit zu tun, dass sich Frauen mit der Rolle als Mutter nicht identifizieren können. Gegenüber der Tageszeitung taz macht sie deutlich, dass es in ihrer Studie nicht um das Kindeswohl geht. Sie möchte Mütter und Kinder getrennt voneinander betrachten, damit Frauen die Möglichkeit haben, als einzelne Subjekte wahrgenommen zu werden – mit eigenen Gefühlen und Gedanken. 

Die 23 israelischen Frauen weichen von der gesellschaftlichen Norm ab, die vorschreibt, dass Muttersein durchweg toll ist. Das reinste Glück. Eben die absolute Erfüllung jeder Frau. Es wird kaum über die negativen Seiten einer Mutterschaft gesprochen – über die Überforderung, den Schlafmangel, den Druck der Verantwortung und die fehlende Freiheit – über den Verlust des früheren Lebens. „In dem Moment, in dem eine Frau negative Gefühle bezogen auf ihre Mutterschaft äußert, verbaut sie sich die Chance auf Status und Anerkennung“, erklärt die Soziologin Christina Mundlos gegenüber der Süddeutschen Zeitung

Der sogenannte Mütter-Mythos besagt, dass jede Frau automatisch Mutter werden muss und dass sie mit dieser Aufgabe natürlich überglücklich ist – oder sein soll. Besonders in Deutschland haben wir uns einen ganz besonderen Mutterkult aufgebaut, welcher bis heute in den Köpfen verankert ist. Angefangen mit der industriellen Revolution und der damit zusammenhängenden Rollenverteilung der Geschlechter, über das nationalsozialistische Bild der Frau als Gebärmaschine bis hin zur Nachkriegszeit, in der die Frau weiterhin eins zu sein hatte: eine gute Mutter. Muttersein ist laut Donath also ein „historisches und kulturelles Konstrukt“, welches sich über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat. Alles, was von diesem vorgefertigten Bild abweicht, ist abnormal. 

Die Studie von Orna Donath hat nun dazu geführt, dass wir angefangen haben, dieses Bild zu hinterfragen. „Wenn wir anerkennen, dass Mutterschaft nichts ist, was alle Mütter glücklich macht, lässt sich Leid reduzieren. Dann können Frauen freier entscheiden, ob sie Kinder möchten oder nicht. Und dann werden womöglich weniger Kinder geboren, deren Mutter bereut. Im Moment treibt die Gesellschaft Frauen in die Mutterschaft und lässt sie dann, wenn sie Kinder haben, ziemlich alleine.“

Sobald der gesellschaftliche Druck wegfällt, kann eine Frau losgelöster und selbstständiger entscheiden ob und wann sie Mutter wird. Wir müssen uns von konstruierten Rollenbildern und deren angeblichen Verpflichtungen lösen. Erst dann können wir eine allumfassende Selbstbestimmung erreichen. 

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Bildquelle: Ksenia Chernaya von Pexels; CC0-Lizenz