Schönsein in der Corona-Pandemie: Wird Aussehen überbewertet?

Eine junge Frau liegt im Trainingsanzug auf dem Bett und schaut auf einen Laptop

Wie verändert sich Schönheit, wenn man sich oft nur digital sieht? Ist der „oben Business, unten Jogginghose“-Look wirklich ein Schritt zu mehr Selbstermächtigung? Und können uns die positiven Auswirkungen der sozialen Isolation auch nach der Pandemie erhalten bleiben? Eine Zwischenbilanz.

Schönheit und Styling stehen für die meisten Menschen während der Corona-Krise nicht gerade an erster Stelle – und das aus gutem Grund: Seit über einem Jahr finden keine Großveranstaltungen mehr statt, schicke Restaurantbesuche und Partyabende mit den besten Freund*innen gehören momentan der Vergangenheit an und viele von uns müssen sich mit weitaus wichtigeren Dingen auseinandersetzen als den aktuellen Modetrends oder den neuesten Hautpflegeprodukten. Das Schönsein für sich selbst – falls es das überhaupt jemals gab – verliert in der Pandemie zunehmend an Bedeutung. Langsam aber sicher fällt vielen von uns auf, dass sie sich nicht nur täglich geschminkt und gestylt haben, um sich selbst zu gefallen, sondern, dass es auch immer darum ging, anderen zu zeigen, wie viel Mühe man sich mit seinem Äußeren gibt. Wer Arbeitskolleg*innen, Familienangehörige und Bekannte nun allenfalls noch per Videochat sieht, muss sich darum deutlich weniger Gedanken machen: Da darf es schon mal die Kombi aus elegantem Oberteil und lässiger Jogginghose sein, denn spätestens vom Bauchnabel abwärts sieht ja sowieso keiner mehr was. Außerhalb der Videokonferenzen tauschen die meisten dann auch das schicke Top gegen einen Oversize-Hoodie – oder am besten direkt gegen ein Pyjama-Oberteil. Etwa jede zehnte Person in einer Beziehung beklagt laut einer aktuellen Studie, dass ihr*e Partner*in sich während der Corona-Zeit zu sehr hat gehen lassen, die Umsätze der Kosmetikindustrie sind im Bereich Make-Up, Düfte und Haarpflege drastisch eingebrochen.

Eine Zeitenwende?

Was für die einen frustrierend und nervig ist, weckt bei anderen Hoffnung auf bessere Zeiten. Könnte es sein, dass wir auch nach der Pandemie an unserem neuen Schönheitsverständnis festhalten? Dass Minikleid und unbequeme High Heels den Weg freimachen für Sneaker, Trainingsanzug und Messy Bun? Einige Feminist*innen und Body-Positivity-Aktivist*innen sehen in der Corona-Krise durchaus Potenzial. Viele Menschen würden erkennen, dass Aussehen nicht alles ist und innere Werte wie Ehrlichkeit, Humor und Hilfsbereitschaft im Leben viel mehr zählen. Zoom-Konferenzen mit ausgeschalteter Kamera würden dafür sorgen, dass wir Personen sympathisch finden, die wir im realen Leben allein wegen ihres Körpers oder ihrer Frisur in eine bestimmte Schublade gesteckt hätten. Klingt erst einmal ziemlich logisch – wäre dann aber doch zu schön, um wahr zu sein. Denn wir vergessen, dass hinter der ganzen Debatte eine milliardenschwere Industrie lauert, die mit den Selbstzweifeln anderer Menschen Profite erwirtschaftet. Sie bestimmt, wen oder was wir schön finden und konfrontiert uns mit Werbung und angeblichen Schönheitsidealen, die die Macht haben, unser Konsumverhalten maßgeblich zu beeinflussen.

Aufgewachsen im Münsterland, zwischen Bauernschaften, Fahrrädern und Dorfpartys. Schreibt seit dem Kindergartenalter, von Kurzgeschichten bis hin zu News-Artikeln, liebt Musik, Sonne, gutes Essen und Gespräche über Gott und die Welt.