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Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

Wenn Ereignisse das Leben auf den Kopf stellen – muss man nur warten und die Trauer aushalten?

Es ist eine banale, nahezu lächerlich erscheinende Kindheitserinnerung, die sich vor mein inneres Auge drängt: Ich bin gerade vier, als ich mit aufgeschlagenem Knie und tränenüberströmtem Gesicht zu meiner Mutter humple. Sie sitzt im Schatten auf der alten Holzbank – passenderweise unter einer Trauerweide -, als sie mich erblickt. Ich schluchze noch Meter von ihr entfernt, dass ich von der Rutsche gefallen bin und mein Knie jetzt blutet. Meine Mutter beginnt, in ihrer Tasche zu kramen und holt ein kleines silbernes Metalldöschen heraus. Als ich bei ihr ankomme, zieht sie mich liebevoll auf ihren Schoß, begutachtet die Schürfwunde und klebt dann sorgfältig ein Pflaster darüber. Auch noch ein buntes! Die helfen sowieso besser als die eintönigen, hautfarbenen Dinger. Ich wische meine Tränen weg, springe von ihrem Schoß und renne wieder zurück zu den anderen Kindern.

So einfach war das: Pflaster drauf und schwuppdiwupp, tat es nicht mehr weh. Nur durch den Glauben daran, dass es helfen würde. Wenn es nur immer so wäre.

 

Schonfrist abgelaufen!

 

Ist einem etwas Schmerzhaftes passiert, fassen einen die Menschen aus dem Umfeld in der Zeit danach mit Samthandschuhen an. Sie zeigen Anteilnahme, versuchen abzulenken. Sie geben einem das Pflaster, das man gerade braucht, bis die Wunde verheilt ist. Das klappt ein paar Wochen lang, doch nach einer gewissen Zeit ist es dann auch mal wieder „gut‟. Es wird fast schon erwartet, dass es einem nun besser geht. Vielleicht auch, weil es sich die Menschen, die dich lieben, so sehr wünschen. Und es auch sie schmerzt, zu sehen, wie man leidet. Das beginnt bei „kleineren“ Dingen wie einer verpatzten Prüfung, geht über in Ereignisse wie eine Trennung, bis hin zum Tod eines Menschen. Die Zeitfenster sind unterschiedlich lang, aber irgendwann ist die Schonfrist einfach abgelaufen. Der Zeitpunkt gekommen, an dem es einem besser gehen muss.

 

Ist Zeit das Pflaster oder gewöhnt man sich nur an den Schmerz?

 

Zeit hilft, ja. Sie leistet fantastische Arbeit darin, dass Ereignisse immer mehr zu Erinnerungen werden. Die klaffende Wunde schließt sich aber nicht immer, nur weil sie nicht mehr zu sehen ist. Auch ich habe Erfahrungen gemacht, die heute noch immer präsent sind, noch immer weh tun. Trotzdem bin ich deshalb nicht ständig traurig. Der Schmerz ist irgendwie ein Teil meines Empfindens, aber bestimmt nicht meine komplette Gefühlswelt. Zeit hilft vielleicht, die Intensivität zu regulieren, aber sie löst Schmerz nicht in Luft auf. Mancher Schmerz bleibt. Dass es nicht nur mir so geht, habe ich auch schon bei anderen erlebt: Ein Bekannter ist kurz vor Ende seines Staatsexamens durch die Prüfung gefallen. Studium vorbei, nun steht er vor dem Nichts. Er leidet darunter. Während er öfter mal zu hören bekommt „Ach komm, das Leben geht weiter“, ist deutlich zu spüren, dass es eben damit nicht getan ist. Er findet sich langsam damit ab, aber so tun als wäre es nie passiert, kann er wohl nie. Zeit hilft nicht immer, die Wunde zu schließen.

Das verstehe ich zum ersten Mal so richtig, als eine Freundin und ich zwei Jahre später per Zufall ihrem Ex-Freund über den Weg laufen. Es ist sofort zu erkennen, dass der Schmerz noch da ist. Obwohl sie doch „nur“ ein halbes Jahr zusammen waren. Sie schaut ihn an und obwohl sie lächelt, hat sich in ihren Augen sofort etwas verändert. Als hätte jemand gerade das Pflaster weggerissen. Was ich damit meine: Die Ausmaße eines Verletzung kann niemand so empfinden, wie der Mensch selbst. Und nur dieser kann auch lernen einen Weg zu finden, damit zu leben, wirklich zu leben.

 

Entscheidend ist nicht die Größe der Wunde, sondern die Tiefe

 

Verluste im Leben eines Menschen, auf welcher Ebene auch immer, können je nach Ausmaß des einschneidenden Ereignisses als Trauma definiert werden. Laut der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie spricht man von „Trauma‟ bei einer „seelischen Verletzung, bei der es zu einer Überforderung der psychischen Schutzmechanismen durch ein traumatisierendes Erlebnis kommt.‟ Nicht von ungefähr bedeutet Trauma auch übersetzt „Wunde‟ (griechisch). Dann, wenn kein Pflaster der Welt mehr reicht, um die Wunde zu „vergessen“. Für andere Menschen kann etwas nach einem „Kratzerchen‟, maximal einer „Platzwunde“ aussehen, zum Beispiel eine verpatzte Prüfung oder eine Trennung – aber für die Menschen, dessen Leben auf den Kopf gestellt wurde, ist es viel mehr als nur das. Verletzungen sind Verluste der vorherigen ganz individuellen Funktionalität. Deshalb gibt es kein Pauschalrezept, was wie lange wie sehr weh tun kann. Selbst beim Tod beobachte ich, dass manche Menschen irgendwann davon ausgehen, dass „man darüber hinweg‟ ist. Wieder „geheilt‟. Ein bisschen wie bei dem aufgeschlagenen Knie, an das man nach einer mehr oder weniger langen Zeitspanne gar nicht mehr denkt. Als wäre man nie hingefallen. Doch ich finde nicht die Unversehrtheit macht es, sondern das Weitergehen.

Eine psychologische Studie an der Universität Würzburg zeigt auf, dass in der Zeit nach einer schmerzlichen Erfahrung vor allem das erste Jahr besonders von unangenehmen Gedanken und Gefühlen diesbezüglich geprägt ist. Die Auseinandersetzung mit diesen hilft allerdings bei der Bewältigung, da das „persönliche Wachstum‟ als positiv erlebt wird. So schlussfolgern die Wissenschaftler: „Die Zeit bringt den Schmerz des Trauerns nicht zum Verschwinden, sie vermag ihn aber zu lindern.“

 

Schmerz zu akzeptieren ist die wahre Heilung

 

Ich glaube ja, dass diese „Pflastergeschichte‟ und die These, dass es einem besser geht, wenn man nur daran glaubt, doch ganz schön viel Bedeutung hat. Ich finde Menschen, die zu ihren Gefühlen stehen, beweisen soviel Authentizität. Die österreichische Bloggerin Jaqueline Scheiber, bekannt unter dem Pseudonym „minusgold‟ beeindruckt mich immer wieder mit ihren Bildern und dazugehörigen kleinen Captions und Texten. Schon Lange. Seit sie ihren Lebenspartner durch seinen unerwarteten Tod verlor, sind ihre Texte noch intensiver und stärker den je. Ein Teil ihres Selbst. So schreibt sie zu einem Bild auf instagram, welches sie von sich ein Tag nach dem Tod ihres Freundes machte: […] dann weiß ich, dass mein Schmerz ein Gesicht trägt. In einer Linie mit meinem Lachen, meinem Wohlfühlen und meinem Lebendig sein. Das ist ein weiterer Ausdruck, der meinem Gesicht nun inne wohnt. Eine Betroffene sagte einmal: Das ist nicht etwas, dass man abschließt und dann fertig ist. Man integriert es. Hautschicht um Hautschicht.‟ Auch diese Frau ist der Ausdruck von wahrer Authentizität und Stärke für mich. Sie bringt es auf den Punkt, was so vielen Menschen im Kopf herum geistert: Die wahre Heilung weiter zu leben ist, den Schmerz zu akzeptieren, nicht immer sehen zu wollen, aber zu behalten. Als Wunde oder als Narbe, aber als immer Teil deines Selbst.

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